WAZ/ 19.Juni 2006

Vierfach Glück in der Künstlerzeche

Über 750 Besucher legten Extraschicht in Unser Fritz ein, die letzten Gäste kamen noch nach 1 Uhr.

Skelett in Steigerkluft und mit Grubenhelm weist den Weg in den neuen Kunststollen

Die Besucher der "Extraschicht" in Herne hatten in der Nacht von Samstag auf Sonntag gleich vierfaches Glück und konnten einen alten Stollen in der Künstlerzeche Unser Fritz besichtigen. Der mystisch und künstlerisch gestaltete Gang begeisterte über 750 Gäste.

Insgesamt machten 38 "Spielorte" in 19 Ruhrgebietsstädten die Nacht zum Tage, die Künstlerzeche Unser Fritz 2/3 nahm als einziges Industriedenkmal in Herne an der 6. Nacht der Industriekultur teil. Ein letztes Mal war China zu Gast in Herne: Bei der Finissage der Ausstellung "8888 = Vier Mal Glück" schauten sich Kunstinteressierte noch einmal Malerei, Installationen, Videos und Objekte des chinesischen Künstlers Qi Yang an - wie zum Beispiel riesige getrocknete Lotusblätter. In China gilt die 8 als Glückszahl, in vierfacher Wiederholung als Glück und Hoffnung für das ganze Leben. Passend zur Ausstellung gab es chinesische Snacks: Frühlingsrollen, Teigtaschen und Soßen süß-sauer.

Noch beliebter war jedoch der Gang in den Keller: Während die eine Ausstellung ihr Ende feierte, weihten die Zechen-Künstler ihren neuen Kunststollen ein: Der ehemalige Schachtzugang wurde bei Renovierungsarbeiten entdeckt und dient nun als zusätzliche Ausstellungsfläche.

"Flair ist das richtige Wort", sagte Extraschicht-Besucher Hans-Ulrich Bäckeralf. Oberhalb der Treppe zeigt ein Skelett mit Steigerkluft und Grubenhelm per Schild an: "Zum Kunststollen". Dann müssen auch alle Besucher Helme aufsetzen, hinab geht´s. Der etwa 1,50 Meter hohe Stollen zwingt gerade große Besucher zum Ducken. Im schummerigen Licht werden transparente Bilder von hinten angestrahlt. Manchmal ist die Intention des Künstlers nicht sofort zu erkennen, genau wie der ursprüngliche Sinn dieses Stollens wohl ein Rätsel bleibt.

Umso besser für mystische Fotografien des größten Friedhofs von Paris, Pêre Lachaise: Atelierinhaber Winfried Labus hat seine phantastischen Fotografien rechts und links jeweils mit einer Kerze in Szene gesetzt. Plötzlich kühlt die Luft merklich ab, der einstige Eingang des Stollens ist erreicht. Rechts und links hängen unheimliche Installationen, Fischköpfe in kleinen Käfigen.

Noch nach ein Uhr nachts kamen die Gäste. Am frühen Abend waren teilweise 40 Personen auf einmal aus den Bussen gestiegen. Einige Besucher zeigten sich nach vielen Illuminationen überrascht, in Unser Fritz etwas völlig anderes zu erleben. Und neben den besonderen Aktionen stand das ehemalige Kauengebäude mit seinen elf Künstlerateliers auch zur normalen Besichtigung offen.
tm