WAZ/ 12.Juli 2004

Rekord-Schicht auf Künstlerpütt

Gleich zweimal fuhr Herne am Samstag eine "ExtraSchicht" in der "Nacht der Industriekultur". In der Wanner Künstlerzeche Unser Fritz wurden mit rund 2000 Besuchern alle Rekorde gebrochen. Indessen hielt sich der Andrang mit 700 ExtraSchichtlern im Archäologie-Museum in überschaubaren Grenzen.

In der Künstlerzeche ist die Kombination von Industrie-Architektur, Ruhrgebietssport und moderner Kunst an diesem Abend nicht nur besonders gut gelungen, sie wird auch von den 2000 ExtraSchichtlern gewürdigt.

Um 21 Uhr herrscht fast tropisches Klima in der früheren Weißkaue von Unser Fritz. Die Luft ist schwer vom Schweiß, der Raum durch eine Hängelampe über dem Boxring spärlich beleuchtet. 50 Jahre nach Gründung des legendären Boxklubs "Schwarz-Weiß Unser Fritz" hat der mittlerweile 20-jährige Nachfolgeverein an diesem Tag sein Training vom Boxzentrum Wananas in die historischen Hallen des Künstlerpütts verlegt. Außer dem regelmäßigen Kontakt einiger Seile mit dem Fußboden, dumpfen Aufprallgeräuschen aus Sandsack und Punchingball sowie dem gelegentlichen Quietschen von Turnschuhen ist kaum etwas zu hören. Fast ehrfürchtige Stille herrscht dort, wo nicht nur Ex-Boxer und Klub-Gründungsmitglied Benno Bönnemann seine Runden dreht, sondern irgendwie scheint auch der Geist von Cassius Clay & Co spürbar.

14 mit dem Haus verbundene Künstler haben sich zum Thema "Boxen" Gedanken gemacht und die Ergebnisse nebenan ausgestellt. Marie White erfand die "Neue Boxermode": Weiß gefiederte und silbern genagelte Shorts zum Wohlfühlen baumeln da neben Box-Zitaten von Hemingway und Brecht, die Kunsthistoriker Michael Kade zusammengestellt hat. Minimalistische Tusche-Zeichnungen von Birgit Poch, Werner Ryschawys mit drahtiger Bewegung gefüllte Holzboxen und die von Peter Grzan gewählten "Top of the Box"-Songs setzen das Thema assoziativ in moderne Kunst um. Neben einer Jukebox, einem VW-Käfer-Boxermotor und der berühmten Agfa Fotobox findet sich außerdem eine Miniatur-Ausgabe des legendären Boxrings, in dem einst der "Rumble in the Jungle" zwischen Ali und Foreman ausgetragen wurde.

Insgesamt eine klasse Präsentation, die die Künstlerzechen-Gemeinde auf die Beine gestellt hat. Belohnt wurde die Szene mit unerwartet vielen Besuchern und Lob von allen Seiten. "Im letzten Jahr waren nur 500 Leute hier", freut sich Winfried Labus über die "Superresonanz".

Und während viele Stunden vor dem Ende der "Nacht der Nächte" noch Schmalzschnittchen-Nachschub besorgt werden muss, denken die Künstler darüber nach, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein - egal, ob der Bus nun direkt vor der Tür halten darf oder nicht. Dem großen Landesmuseum in Herne hat die kleine Wanner Künstlerzeche jedenfalls bei dieser ExtraSchicht den Rang abgelaufen.