Bernward Kraft
08. Mai - 29. Mai 2010
Schattenschnitte
Die Ausstellungseröffnung war Samstag, den 08. Mai 2010 um 17.00 Uhr.
Einführung: Claudia Holthausen, Agentin für Kultur-PR

Bernward Kraft:

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Geboren 1964 Studium des Kommunikationsdesigns an der Universität-Gesamthochschule Essen
1984 Erste Ausstellung im Tse Tse/Münster mit Zeichnungen und Gemälden
1993 Erste Aufträge für die Philharmonie Essen und das Aalto-Musiktheater Essen.
1995 Reise nach New York zur Vorbereitung des Diploms
1996 Diplom
Zum Stadtjubiläum “100 Jahre Großstadt Essen” werben 180 verschiedene originale Scherenschnitte in Citylightgröße für das Festival “Essen. Original”.
Diese Plakat-Aktion ist gleichzeitig das Diplom bei Prof. Vilim Vasata.
Die Diplomarbeit trägt den Titel “Schnittstelle Phantasie”.
Ebenfalls in diesem Jahr erscheint das Buch “Cuts” mit einer Auswahl aus den
180 Motiven der Plakat-Aktion.
Seit 1996 findet das Stadtfestival jährlich statt. Es dauert jeweils drei Tage und umfasst sieben Bühnen in der gesamten Essener Innenstadt.
Zu jedem “Essen.Original“ gibt es einen Jahresscherenschnitt.
2002 Seit 2002 geben die Scherenschnitte den Produktionen der Vereinigten Bühnen Bozen ihr Gesicht.
2002 Umfirmierung zu Kraftdesign
Ausstellungen:
2005 “KRAFTSchnitt“ in der Hauptsparkasse Essen anlässlich 10 Jahren
Essen.Original
2005-2008 Jährlich offenes Atelier im Rahmen der Essener Kunstspur
2006 “Nackter Wahnsinn“ im Stadttheater Bozen
“Ein:Ausdrucke - Ein künstlerischer Dialog über die Jahrhunderte“
Gemeinschaftsausstellung der Universität Trier/Grafische Sammlung
und der Europäischen Kunstakademie
2008 “Essen Plakativ“ Theaterpassage Essen (eine Gemeinschafts-ausstellung der EMG Essen Marketing GmbH)
2009 “Gestern war ich Leonardo“ (in der Sparkasse Essen Stadtwald)
Auszeichnungen:
Fuji-Shootingstar 1990 / Aufenthalt in Südindien
2. Platz im Plakatwettbewerb “Gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit”.
1. Preis des Plakatwettbewerbes: Max-Reger-Woche
1. Preis des Plakatwettbewerbes: Der Ring des Nibelungen

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„Gekünstelt
wird hier
nicht.“VILIM VASATA
Prof. Vilim Vasata anläßlich einer
Ausstellungseröffnung

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Schneide in die Wahrheit und ihre Drachen treten hervor. Bannkraft der Logos. um uns herum, nichts als unverlogen nackte Realität. Nichts für denjenigen, der das Risiko ungeschminkter Wahrnehmung scheut, die zugemutete Konfrontation.
Hier wird kraftgeschnitten. Kraftgeschnitten in die schwarzen, die schweigenden, die universalen morphischen Felder, in denen seit Anbeginn alle Formgebung allumfassend angelegt ist.
Im Vorwort zu Bernward Krafts erstem Bildband, Cuts, habe ich damals gesagt, “Schnittbilder, zum Staunen archaisch, nur vier Jahre noch bis zum zweiten Jahrtausend. Ausschnitte vom Zeitgeist.” Schneide in die Wahrheit des Zeitgeistes und seine Dämonen treten hervor. In seinem Poem “Remorse for Intemperate Speech” hat William Butler Yeats, 1931, aus dem Inneren der irischen Glaubensfehden heraus, diese seine spezifische Wahrheit unbarmherzig herausgeschnitten:
“Great hatred, little room”. Großes Hassen. Wenig Raum. Yeats bittere Klage war allzu wahr und sie musste es werden. Das Jahrhundert, in dem er sein Poem schrieb, wurde zum blutigsten in der langen Geschichte der Greueltaten unserer Spezies. Mit ihren verheerenden Feldzügen, den ethnischen Säuberungen, den Atomschlägen, dem Entsetzen des Holocaust und der fanatischen Energie von Gotteskriegern, die das naturgegebene Primat der Arterhaltung, indoktriniert entartet,
durch das Ideal der Tötung und des eigenen Todes im Namen Gottes grandios pervertieren. Und das, obschon die Welt sich näher kommt als je zuvor, allein schon durch die Technologien des Reisens und durch die Omnipräsenz der Kommunikation.
Yeats zeichnete früh das heutige globale Bild: Great hatred, little room. so reduziert, wie plakativgeschnitten. Schneide in die Wahrheit, wie Yeats es auf seine Weise getan hat, und ihre Drachen treten hervor. Formgebannt, triebgetrieben, erschreckend womöglich, pictographisch offengelegt, die sinnlichen Wahrheiten unserer inneren Affekte wie auch unserer Phantasmagorien, an ihren Schnitträndern rauh von Natur, denn gekünstelt wurde hier nicht.
Der Kraft, dieser hier, der beschwört die Ikonographie seiner Stadt, ihre Talente, wie er sie nennt, den politischen Affekt, unausweichlich, das moderne Kreuz als das Menetekel des elften September 2001, gleich daneben die Unschuld
der sich immer erneuernden Natur, er schafft eine ZOLLVEREINfachte Reduktion von Architektur, er nimmt das Bild-Telefon der IT-Community früh vorweg, im Triptychon bildet er aus der Identität von Kopf und Tropfen das Piktogramm der Geduld, - ein Bild übrigens, in dem Kraft, anderen Künstlern vergleichbar, eigene schmerzliche Erfahrung verarbeitet. - Daneben gleich das Zeichen der wundersamen Metamorphose von schnödem Geld zu schöner Kultur, ganz gewiss eine mehr als verdiente Hommage an den heutigen Gastgeber und endlich die Metapher der Entschiedenheit, die mit den Positionsbestimmungen zu tun hat, die wir wohl alle heute für uns neu zu treffen haben. In Entschiedenheit. X-Rays unserer inneren Bewegungen, Viagramme von Sinn und Lust, Bühnenbilder, Ideenfelder, so nennt er sie selbst, unserer seltsamen, manchmal magischen, immer inneren, doch oft auch so ungläubig unerklärlichen Inszenierungen. Dieser Mann von Kraft, mit dem mich immer noch lebhaft “gemeinsame Schule” verbindet, dieser Kraft ist auf einem entschiedenen, schmerzdurchkämpften Weg zu sich selbst. Verdienst allen, die seiner Imagorie die Bühne bieten. Wofür? Vor allem für vertiefte Wahrnehmung.
Lernen Sie genau, sehr genau, die Anschauung vom visuellen Denken, sonst wird Ihnen unter dieser ganzen schwarzen Power der doppelte Boden, die sinnliche Andeutung und manche gemeineÜberhöhung allzu leicht entgehen.Oberfläche ist das nicht. Aus Wahrnehmung wird Anschauung. Aus den modernen Erkenntnissen der sich heute dramatisch verändernden Marktwirtschaft wissen wir, dass alles Kapital heute allein im öffentlichen Bewusstsein von etwas, das wir “Gegenwartswert”
nennen, liegt, dem Gegenwartswert deiner Geschäfte,
deiner Dienstleistung oder deiner Ware, im Gegenwartswert einer heute überlebensnotwendigen Präsenz hochgradiger Alleinstellung durch “Beachtlichkeit”. Umgesetzt durch radikale Qualität einer neuen “Ökonomie der Aufmerksamkeit.” Yeats, der prophetische Poet, er hat in einem anderen seiner berühmten Poeme, “The Second Coming”, 1921, auch bereits die uns allen heute geläufige Situation des Verfalls unserer Selbstwerte vorhergesehen: “Things fall apart, the centre cannot hold”. Die Dinge zerfallen, die Mitte hält sie nicht. Also, denke ich, müssen wir uns wohl sehr anstrengen, unsere Dinge, unsere Identitäten auf neue Weise zu befestigen, ihnen Konturen zu geben, so wie Kraft sie uns hier als eigene Positionsbestimmung vorgibt, “natürlich, um schließlich doch auch den Künsten zu genügen, zur “höheren Ehre der Phantasie” - und unter hochverdienter Bewunderung für dieses couragierte Coming Out aus Sinnlichkeit und emblematisch gestanztem Zeitgeist. Vor allem aber, denke ich, liegt hier ein mächtiges Kraft-Feld vor uns ausgebreitet, ein Kraft-Signal für endlich vertieftere Aufmerksamkeit, und es ist diese vertieftere Aufmerksamkeit, die uns diese Kraft-Schnitte in einer Zeit von verängstigter Potenz, latenter Bedenklichkeit und dekadent erodierender Werte zu Recht abverlangen. Um dich ganz zu erkennen, musst du in die Wahrheit schneiden. Nichts anderes als Kraft-Schnitte wie diese braucht das Land. Wir sollten diesem Kraft-Werk akklamieren.